gerhard burtscher

 

 

 



Beim Anblick des Paares in Grant Woods Werk „Amerikanische Gothik“ legte sich ein dunkler Schleier auf Andreas Gemüt.

Sie spürte die Enge, die aus allen Ecken des Bildes gekrochen kam und ihren Atem lähmte. Irgendetwas im Blick der Frau irritierte sie, und sie fragte sich, was genau in ihr in Resonanz ging. In ihren Augen lag so gar keine Hoffnung, kein Traum, keine Illusion. Aber wie ihr Mann schien sie entschlossen, für ihre Welt zu kämpfen, bereit, sie um jeden Preis zu verteidigen.

„Gab es jemals Leidenschaft im Leben dieser beiden Menschen? Wie waren sie, als sie noch jung waren? Was hat sie am Ende auf ihre Welt reduziert?“, fragte Andrea in die Runde ihrer Studenten, die nahezu alle Altersschichten abdeckten.

Niemand meldete sich zu Wort. Ein Mädchen schrieb etwas in einen Notizblock.

„Warum reduziert?“ Die Frage kam unverhofft, kaum hörbar, von einer älteren Dame, die in der vorderen Reihe stand und ihren Blick nicht von dem Bild lösen wollte. „Sie haben einander, sind sich gegenseitig ein berechenbarer Partner und können miteinander alt werden. Ich würde viel dafür geben, etwas dergleichen von mir und meinem Leben behaupten zu können.“

Stille. Andrea fragte keine weiteren Beiträge ab. Behutsam lenkte sie den Fokus der Gruppe auf das nächste Motiv.

Aus: „Protokolle“, 2016 - Motiv: Amerikanische Gothik - Von Grant Wood - From The Art Institute of Chicago Museum, Gemeinfrei